Brecht-Tochter zweifelt das kürzlich entdeckte Perücken-Foto an
Mia Horton Als Brecht verkleidet?
Augsburg, 2. Februar 2011. Brecht oder nicht Brecht, das ist hier die Frage: Handelt es sich bei dem jungen Mann unter einer weiß gepuderten Perücke an der Seite von Paula Banholzer, Brechts erster großer Liebe "Bi", um den Dichter Bertolt Brecht? Jürgen Hillesheim, Leiter der Augsburger Brecht-Forschungsstelle, glaubt an diese These – wie wir bereits meldeten. Nun hat allerdings kurz vor Beginn des Augsburger Brecht Festivals 2011 die 80-jährige Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall Einspruch erhoben, wie u.a. die Süddeutsche Zeitung berichtet, weshalb Augsburgs Kulturreferent Peter Grab gestern einen Vortrag Hillesheims zum Foto bis auf Weiteres aussetzte.
"'tschuldigung, det is nich mein Vater", soll Brecht-Schall der Augsburger Allgemeinen zufolge gesagt haben. "Ich habe mehr Erinnerung, wie er aussah." Der junge Mann auf dem Foto habe "nicht die Nase, nicht die Augenbrauen" ihres Vaters. Es wäre ja "eine hübsche Sache" gewesen, Brecht als Mozart zu entdecken – "aber das ist er nicht".
"Selbstverständlich ist es Brecht", behauptet dagegen Jürgen Hillesheim, wie die Augsburger Allgemeine weiter ausführt. Alle Kollegen, die er zu Rate zog, stimmten mit ihm überein: "Jeder erkennt unter der Perücke Brecht". Er geht von "fotografiertem epischen Theater" aus. Es sei das einzige bislang bekannte Foto, das Brechts frühe Theaterarbeit dokumentiere.
Zwar zweifele auch der Leiter des Berliner Brecht-Archivs, Erdmut Wizisla, an Hillesheims These, was den Kulturdezernenten zur Vortrags-Absage bewog. Allerdings erklärte Gerhard Gross, Sohn von Paula Banholzer, der das Mozart-Foto ans Licht gebracht hatte: "Einen eindeutigen Beweis über die Personen dieser Aufnahme können nur diejenigen erbringen, die daran beteiligt waren."
Er fand eine Kopie im "Spezialakt Brecht" seiner Mutter. Das Original ist verschollen, es gehörte zu einem Konvolut von circa 15 Fotografien, die Paula Banholzer einem Literaturagenten für eine Brecht-Publikation zur Verfügung stellte. Dieser Sachverhalt ist auf den Kopien schriftlich bestätigt. Für Gross spricht alles dafür, dass Brecht und Banholzer das Rokokopaar sind. "Wer sonst sollte es damals wagen, Bi zu umarmen?" Auch der Lampion sei ein typisches Brecht-Requisit.
(SZ / AA / geka)
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